Afrikanische Kinder spielen mit einem selbst gebastelten Fußball

 

In Europa fand dieses Jahr die Fußballeuropameisterschaft in Frankreich statt und die Bundesliga hat gerade frisch gestartet. Grund genug für uns, einen Blick nach Tansania zu werfen und die Sportart dort näher zu beleuchten.
Schillernde Erfolgsstorys gibt es über den tansanischen Fußball zwar nicht zu berichten. Doch einmal vor Ort gewesen, fällt auf, dass auch dieses Land pure Fußballbegeisterung lebt. Zu sehen ist das nicht nur auf den vielen – oftmals äußerst provisorisch errichteten – „Fußballplätzen“, sondern auch an den vielen Trikots, die einem auf den Straßen begegnen. Insbesondere die Vorliebe für die englischen Clubs wie Arsenal oder Chelsea ist unverkennbar.

 

Fußball in Tansania

In Tansania gibt es gerade einmal 204 Vereine und knapp 230.000 Fußballer – bei knapp 50 Mio. Einwohnern. Damit ist Tansania weltweit eines der Schlusslichter. Eine Trophäenkammer existiert nicht und auch nur einen tansanischen Profi – Mbwana Samatta – konnten wir in einer europäischen Liga (Belgien) ausfindig machen. 
Und doch spielt der Fußball eine immense Rolle: das öffentliche Leben steht regelmäßig still, wenn die beiden beliebtesten Clubs Yanga und Simba aufeinandertreffen.

 

Afrikanische Schul-Fußballmannschaft

 

Wie alles begann

  • Anfang 20. Jahrhundert: Die Europäer (deutsche Missionare und britische Kaufleute) brachten den Fußball ins Land.
  • Ende der 30er Jahre: intensive britische Sportförderung führt erstmals zu Spielen zwischen Sansibar und der Hafenstadt Dar-es-Salaam (Gründung einer Stadtliga).
  • 1930: Entstehung der Tanganyika Football Association (TFA), Vorläufer des aktuellen 
Nationalverbandes TFF.
  • Anschießend: Gründung des Vorläufer des heutigen Simba SC, sowie dessen Erzrivale 
Young Africans (Yanga). Simba gegen Yanga ist das brisanteste Duell, das Tansanias Fußball heutzutage zu bieten hat.
  • Nach der Vereinigung des Festlandes und Sansibars tauchten die Ostafrikaner nicht nur national, sondern auch auf der internationalen Sportbühne auf.
  • 1958: Tanganjika (früheres Festland) tritt dem afrikanischen Fußballverband CAF (Confederation of African Football ) bei.
  • 1964: FIFA-Beitritt, nunmehr als Tansania.
  • 1963: Debüt der Nationalmannschaft „Taifa Stars“ („Volkssterne“), (Niederlage gegen Äthiopien).
  • 1965: Auf Clubebene wurde eine auf das Festland beschränkte Nationalliga eingeführt (Mannschaften aus Dar-es-Salaam, Mwanza, Arusha, Tanga, Kigoma sowie Dodoma)
  • 1968: Debüt der Ostafrikaner bei Afrikameisterschaft als auch der Olympiaqualifikation.
  • 1974: erstmalige Teilnahme an WM-Ausscheidung.

 

Politik stoppt Fußball

Die Einführung des Ujamaa-Sozialismus unter Julius Nyere stoppte die hoffnungsvolle Fußball-Entwicklung. Der strikte Einparteienstaat sah vor, dass auch der Sport unter der Kontrolle der Politik stand. Kollektivgeist und eine patriotische Fußballkultur sollten gelebt werden. Private Vereine wurden zerschlagen und durch staatlich kontrollierte Gemeinschaften nach sowjetischem Vorbild ersetzt; aus dem Nationalverband TFA wurde 1971 die Football Association of Tanzania (FAT) bzw. die Tanzania Football Federation (TFF) (2004).

Die Gängelei durch die Partei und die Akzentuierung auf Kollektivgeist bzw. bedingungslose politische Gefolgschaft hatten fatale Folgen für den tansanischen Leistungsfußball. Verschiedene Gründe und Unstimmigkeiten führten zur Erfolglosigkeit der Nationalmannschaft.
Nicht nur international, auch auf Vereinsebene geriet die Entwicklung ins Stocken. Die zunehmende Wirtschaftskrise und die administrativen Defizite verbunden mit Korruption und Misswirtschaft sorgten für den Rückschritt im tansanischen Fußball.

Hoffnung keimte erst wieder in den 1990er-Jahren auf, als die Öffnung des Landes für Marktwirtschaft und Demokratie nach Nyeres Rückzug den Vereinen ermöglichte, aus ihren politischen Rollen herauszutreten und sportliche Ziele zu setzen. Erste Cluberfolge konnten wieder verzeichnet werden. 
Dennoch waren die mangelnde Infrastruktur, die fehlenden einheimischen Vorbilder als auch die nach wie vor anhaltende Korruption große Probleme, die die Entwicklung des tansanischen Fußball behinderten. Auch das Verhältnis zwischen dem Festlandfußballern und Sansibar gilt aufgrund der gewünschten Autonomisierung der Insel als zerrüttet.

 

Kind lachend mit Fußball in Hand

 

Die aktuelle Situation

Die Etablierung privater Fußballakademien, die Sanierung des Nationalstadions mithilfe chinesischer Unterstützung als auch die Modernisierung des nationalen Ligabetriebs führten zu einer positiven Entwicklung. Sponsoren stiegen auf Clubebene ein und mittlerweile befinden sich die Spielstärke der Teams als auch die Zuschauerzahlen auf einem guten Niveau. Dennoch rangierte man international immer noch auf Platz 145 der FIFA-Weltrangliste.

Ein dänischer Nationalcoach, Kim Poulsen, schaffte es jedoch im Jahr 2014 die ersten internationalen Erfolge einzufahren. Insbesondere jedoch sein Bemühungen in den Aufbau der Jugendmannschaften (Serengeti Boys und Ngorongoro Heroes) und die steigende Unterstützung (finanziell und strukturell) des Verbandes fördern eine positive Entwicklung.
Neben den Rivalen Yanga und Simba etablierte sich, mit der Unterstützung eines Förderers, zusätzlich mit dem Azam FC eine weitere Fußballkraft, die viele Anhänger mit sich bringt.

 

Frauenfußball in Tansania

Die Frauen-Nationalmannschaft gehört der 2006 gegründeten Tanzania Women Football Association (TWFA) an und ist dem tansanischen Fußballverband unterstellt. Ihr Spitzname lautet „Twiga Stars“. In der FIFA-Weltrangliste liegt die Mannschaft mit Platz 125 (noch) eher auf den hinteren Rängen. An der African Women´s Championship nahmen die „Twiga Stars“ das erste Mal im Jahr 2010 teil. Auch in diesem Jahr feierten sie den größten Erfolg mit dem Einzug in die Gruppenphase.

Umso erfolgreicher war jedoch das Frauen-Fußball Team der Jambo-Bukoba-Auswahl, das beim Discover-Football-Festival im Jahr 2015 in Berlin angetreten ist. Mädchen und Frauen aus aller Welt, die in der Regel aus Problemvierteln kommen oder Nachteile in ihrer Heimat erfahren haben, können an diesem Turnier teilnehmen. Acht Lehrerinnen und ein Coach bildeten unser Team. Es handelte sich dabei um Lehrerinnen, die schon alle die Jambo-Bukoba-Workshops absolviert haben und die Philosophie von Jambo Bukoba in ihren Schulen umsetzen und leben.

Begleitet wurde das Team von Renate, deren Heimatstadt Berlin ist, und die sich rund um die Uhr um das Team aus Tansania gekümmert hat. „Es war eine total herzliche Stimmung unter allen und man konnte erfahren, welche Schwierigkeiten die Mädchen und Frauen in anderen Ländern haben. Männer bewerfen sie mit Steinen, wenn sie in entlegenen dunklen Ecken trainieren wollen oder die Familien sind dagegen, denn Mädchen und Frauen haben keinen Sport zu treiben“, schildert sie ihre Erfahrungen.

 

Positive Eindrücke

Folgende positive Eindrücke wussten die Fußballerinnen aus  anschließend zu berichten:

  • sie haben die kleinen Mädchen beim Sport beobachtet und meinten, die wären alle viel selbstbewusster und freier als die Mädchen in Tansania
  • mit Trikots in kurzen Hosen zu spielen war sehr gewöhnungsbedürftig. Es sei noch ein langer Weg, bis das auch in Tansania überall akzeptiert würde
  • in Deutschland ist alles gut durchorganisiert, sauber und wenn die Anzeige sagt, die U-Bahn kommt in 2 Minuten, dann kommt sie auch in 2 Minuten! Unfassbar für tansanische Verhältnisse
  • Fußball verbindet alle Menschen aus allen Ländern zu einem großen Team. Da spielt die Religion, die Herkunft, die Hautfarbe, die politische Auffassung plötzlich keine Rolle mehr. Alle haben Spaß am Spiel

Grace, eine beeindruckende Frau im tansanischen Fußballgeschehen, die als Schiedsrichterin tätig ist und ebenfalls über Jambo Bukoba ausgebildet wurde, könnt ihr über folgenden Link kennenlernen.

 

Jambo Bukoba und Fußball

„Fußballspielen lenkt uns von unseren Problemen und Nöten ab. Beim Fußballspielen vergisst Du, dass Du Hunger hast“, so antworteten die Mädchen und Jungen im November 2008, als sie am Ufer des Victoriasees Fußball spielten und Clemens sie fragte, was ihnen Sport bedeutet.

„Jeder Augenblick, den es gelingt, Kindern und Jugendlichen sorgenfreie Momente zu verschaffen, ist alle Anstrengung wert!“ Der Fußball hat weltweit diese Macht und dient als Medium, um genau diese Momente zu schaffen.  Auch Jambo Bukoba nutzt diesen Türöffner und lässt die Jambo-Bukoba-Philosophie durch bestimmte Regeln einfließen, wie zum Beispiel:

  • Pärchenfußball: ein Mädchen und ein Junge halten sich während des Spiels immer an der Hand.
  • nur die Tore der Mädchen zählen oder
  • gemischte Mannschaften, die aus Mädchen und Jungs zu gleichen Teilen bestehen.

Ziel: Die Stärkung der Mädchen, mehr Vertrauen in sich selbst zu haben, die Förderung ihres 
Selbstbewusstseins sowie die Akzeptanz von Mädchen als wichtigen Teil des Teams.

Ein großer Dank geht an Hardy Gruene vom Fußball-Magazin Zeitspiel und an Renate, auf deren Informationen dieser Artikel basiert.