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Ein Feiertag für die Wissenschaft

Ein Feiertag für die Wissenschaft

„Wenn wir die enormen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – vom Klimawandel bis hin zum technologischen Umbruch – bewältigen wollen, müssen wir uns auf die Wissenschaft und die Mobilisierung all unserer Ressourcen verlassen. Aus diesem Grund darf der Welt nicht das Potenzial, die Intelligenz oder die Kreativität von Tausenden von Frauen vorenthalten werden, die Opfer von tiefsitzender Ungleichheit und Vorurteilen sind.“
– Audrey Azoulay, Generaldirektorin UNESCO –

Heute am 11. Februar feiern wir den „Internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft“. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen beschloss am 22.Dezember 2015 einen Tag einzuführen, der an die entscheidende Rolle, die Mädchen und Frauen in der Wissenschaft und Technologie spielen, zu erinnern. Weltweit geht immer noch viel Forschungspotenzial verloren, da zu wenige hoch qualifizierte Frauen in der Forschung arbeiten. Egal ob industrialisierte Länder oder nicht – besonders in den so genannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) ist man auf allen Ebenen des Bildungssystems noch weit von einer Gleichstellung der Geschlechter entfernt. Laut dem UNESCO-Institut für Statistik liegt der weltweite Frauenanteil in der Forschungs- und Entwicklungsarbeit bei unter 30 Prozent.

Die Situation in Tansania

Bildung – insbesondere die an einer Universität, ist in Tansania nach wie vor ein Privileg und für viele die einzige Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg. Laut dem Statistischen Bundesamt gibt es in Tansania gerade mal 321 Studenten pro 100.000 Einwohner (2013) und 18 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf eine Million Einwohner gerechnet (2017). Der Anteil an weiblichen Studentinnen liegt bei 35,01 Prozent. Zum Vergleich: an deutschen Hochschulen beträgt er im Jahr 2019 49,3 Prozent. Somit machen die Frauen hierzulande zumindest fast die Hälfte aller Studenten aus.

Insgesamt 49 Universitäten und Colleges sowie mehr als 500 registrierte Bildungseinrichtungen wie beispielsweise Nursing Schools, Business- oder Teachers Colleges gibt es mittlerweile in Tansania. Am beliebtesten sind die Fächer Medizin und Jura. Insgesamt ist die nationale Hochschulpolitik fast ausschließlich auf naturwissenschaftliche und technische Fächer ausgelegt.

Das Problem für die meisten ist die Finanzierung eines Studiums, denn sowohl die staatlichen als auch die privaten Universitäten verlangen Studiengebühren. Für ein Bachelor-Studium bezahlen tansanische Studierende zwischen 400 und 600 Euro im Jahr. Der Staat selbst vergibt keine Stipendien, aber die Jugendlichen können Studienkredite beantragen, die sie dann zinslos zurückzahlen sollten- was selten passiert. Dreimal mehr werden beantragt als dann vergeben werden.

Vor dem eigentlichen Studium durchlaufen die Kinder und Jugendlichen in Tansania das in drei Phasen strukturierte Schulsystem – nach britischem Vorbild. Mit in der Regel sieben Jahren werden die Kinder eingeschult und besuchen sieben Jahre die verpflichtende, kostenlose Grundschule. Danach folgt die Sekundarschule, die sich noch einmal in zwei Stufen aufteilt. Vier Jahre „Ordinary Level“, gefolgt von zwei weiterführenden, optionalen Jahren, dem „Advanced Level“. Nach einer erfolgreich abgelegten Abschlussprüfung können die Jugendlichen zwischen drei verschiedenen Zweigen wählen: Universitäten, Colleges und technischen Einrichtungen.

Doch insbesondere die Mädchen kommen oft gar nicht bis zu diesem Punkt…

Mädchen in einer Schuleklasse in Tansania

Schulverbot bei Schwangerschaft

Maidas Hassan Ilonga sitzt im Unterricht, als Polizisten sie 2018 aus dem Klassenzimmer zerren und für einen Tag in einer Zelle einsperren. Ihr Vergehen: sie ist schwanger. Auch ihre Eltern, die bis dahin alles in die Ausbildung ihrer Tochter investiert hatten, werden eingesperrt. Der Vater des ungeborenen Babys zur Fahndung ausgeschrieben. Die 19-jährige und ihre Eltern werden auf Kaution freigelassen. In die Schule zurück und ihren Abschluss machen darf Maidas, die kurz vor dem Abitur steht, nicht mehr. Ihr Traum, einmal Ärztin zu werden, platzt.

So wie Maidas erging es vier weiteren Mädchen im Distrikt Tandahimba im Südosten von Tansania.

Möglich macht das eine äußerst rigorose Klausel, die das Bildungsgesetz in Tansania beinhaltet. Wer schwanger wird, darf nicht mehr zur Schule. Die Praxis schwangere Mädchen aus der Schule auszuschließen, gibt es in dem ostafrikanischen Land bereits seit den 60er-Jahren. Eine so genannte „Moral-Klausel“ hat das im Bildungsgesetz von 2002 noch einmal bekräftigt.

Dabei ist gerade Tansania besonders von Teenager-Schwangerschaften betroffen – die Quote ist eine der höchsten weltweit. Im Jahr 2016 waren 27 Prozent der Mädchen betroffen. Im Durchschnitt wird den UN zufolge jede vierte Tansanierin bereits im Alter von 15 bis 19 Jahren Mutter.

Mit dem Schulverbot will der Präsident John Magufuli die hohe Schwangerenrate bei Teenagern senken – per Abschreckung. „Solange ich Präsident bin, wird keine schwangere Schülerin in die Schule zurückkehren dürfen,“ sagte Staatschef John Magufuli im Juni 2017 in einer Rede. „Wenn du schwanger wirst, dann war’s das für dich.“ Die kostenlose Bildung im Land sei nur für jene, „die wirklich lernen wollen“.

Die Organisation Human Rights Watch schätzt, dass ungefähr 8000 junge Frauen pro Jahr aus der Schule gedrängt werden. Problematisch, denn ohne Englisch oder richtig Lesen und Schreiben gelernt zu haben, gibt es für die jungen Mädchen in Tansania keine Aufstiegschancen.

Dabei liegt die Schuld für die Schwangerschaft nicht zwingend an den Mädchen. Falsche Versprechungen, Vergewaltigungen und mangelnde sexuelle Aufklärung sind die eigentlichen Ursachen. Bei den meisten Volksgruppen in Tansania sind Gespräche mit Erwachsenen über Sex ein Tabu. Biologie-Lehrer erklären lediglich grob die Körperteile. Informationen über Kondome oder die Pille sind verpönt, denn Aufklärung wird als Werbung für Sex betrachtet.

Dabei wäre genau das ein Weg aus der Teufelsspirale hinaus. Weniger Kinder pro Frau und dafür längere Schulzeiten führen zu einem höheren Einkommen. Der UN-Bevölkerungsfonds hat vorgerechnet, dass die wachsende Zahl von Frühschwangerschaften das Land jedes Jahr über fünf Milliarden Dollar kostet.

Seit vergangenem Jahr gibt es ein von der Weltbank gefördertes Programm- SEQUIP -, das es jungen Frauen in Tansania ermöglichen soll, ihre Schulausbildung auch nach einer Schwangerschaft noch zu beenden.

Ein Feiertag für die Wissenschaft

Sport als Türöffner für eine bessere Zukunft

Mit Kindern über Sexualität zu sprechen ist schwierig, sowohl in der Schule als auch zuhause. Diese Erfahrung hat auch Jambo Bukoba während seiner Arbeit in Tansania immer wieder gemacht. Deswegen versuchen wir diese Tabuthemen spielerisch mit speziell entwickelten Spielen anzugehen. Die Lehrer, die in unserem Konzept „LIFE SKILLS THROUGH GAMES“ geschult werden, sollen im Sportunterricht eine vertrauensvolle Beziehung zu den Kindern aufbauen. Dadurch ist es für beide Seiten leichter über sensible Themen wie Aids und Verhütungsmethoden aufzuklären. Besonders Mädchen sind häufiger von Neuinfektionen betroffen als die Jungen. Vier von fünf HIV-Infizierten zwischen 15 und 24 Jahren sind Mädchen.

Insbesondere in Sachen Bildung haben Mädchen in Tansania eine geringere Priorität – ein regelmäßiger Schulbesuch ist nicht selbstverständlich. Die Mädchen in Kagera fehlen häufig in der Schule, weil sie für Hausarbeiten eingespannt werden oder dafür, Kanister mit Trinkwasser von einer kilometerweit entfernten Wasserstelle zu holen. Oft müssen sie die Schule vorzeitig verlassen, da sie früh verheiratet werden oder arbeiten müssen, um die Familie zu unterstützen.

Um Mädchen zu stärken, brauchen sie Selbstbewusstsein. Um sich zu wehren. Um Nein zu sagen. Um zu wissen, was passiert, wenn sie Sex haben. Deswegen ist es uns ein Anliegen das Selbstbewusstsein der jungen Mädchen zu stärken, Vorurteile verschwinden zu lassen und aufzuklären. Nur so können Neuninfektionen reduziert und ungewollte Schwangerschaften verhindert werden.

Und das führt letztendlich auch dazu, dass mehr Mädchen die Schule abschließen. Und ihren Traum verwirklichen können – eines Tages vielleicht Medizin zu studieren….

Eine, die schon als kleines Kind davon geträumt hat, Medizin zu studieren, ist die tansanische Wissenschaftlerin Professor Mary Justin-Temu. In unserem morgigen Blog-Beitrag erzählt sie uns in einem Interview, wie sie sich ihren Traum erfüllt hat, was genau sie erforscht und was sie sich für die Zukunft der Mädchen in Tansania wünscht.

Wenn auch du unsere Ziele unterstützen möchtest, freuen wir uns über eine Spende, mit der wir den Bau von weiteren Klassenzimmern und Wassertanks sowie Lehrer-Workshops ermöglichen können oder unterstütze uns ehrenamtlich mit deinen Fähigkeiten!

Geschrieben von: Steffi Eisenlauer

Quellen:

https://www.un.org/en/observances/women-and-girls-in-science-day

https://www.womeninscienceday.org/index.html

https://www2.daad.de/medien/der-daad/analysen-studien/bildungssystemanalyse/tansania_daad_bsa.pdf

https://static.daad.de/media/daad_de/pdfs_nicht_barrierefrei/infos-services-fuer-hochschulen/laendersachstaende/expertise-zu-themen-laendern-regionen/tansania_daad_sachstand.pdf

https://en.unesco.org/commemorations/womenandgirlinscienceday

https://www.deutschlandfunkkultur.de/teenager-in-tansania-schulverbot-bei-schwangerschaft.979.de.html?dram:article_id=458056